Archiv für März 2009

29
Mär
09

DAVID

Haltungsschaden und Minipenis ?

Das Original

3434343661David heißt das Zauberwort vieler Touristen in Florenz. Bewundern kann man ihn dort gleich drei Mal. Eine Kopie steht auf der Piazza della Signoria,  eine andere über der Stadt auf der Piazzale Michelangelo. Das Original befindet sich allerdings in der Accademia. Dort steht er seit seit1873, er wurde von der Piazza della Signoria verbannt und durch die Kopie ersetzt, da die Taubenkacke die zarte Haut des Goliath-Bezwingers doch sehr stark verätzte. Da steht er also nun,

Obi-Beton David mit Wasserkopf
Obi-Beton David mit Wasserkopp

splitterfasernackt und von Tausenden begafft. Meister Michelangelo Buonarotti erschuf den Koloss aus einem einzigen Marmorblock in den Jahren 1501 bis 1504. Besichtigen kann man David allerdings auch zuhause und zwar in jedem guten Baumarkt, ebenso in den deutschen Vorgärten findet David immer öfter ein neues Zuhause, allerdings ist er aus Beton, viel kleiner und fast schon eine Karrikatur seiner selbst.

Der arrogant dreinschauende Renaissance-Schnösel  gilt als Inbegriff der männlichen Schönheit und Vollkommenheit. Touristinnen jauchzen entzückt bei Betrachtung des Kolosses und ich frage mich nur eins: WARUM? So richtig stimmen die Proportionen ja nicht, man beachte die riesigen Hände! Er mag zwar durchtrainiert und muskulös sein, aber das Gesicht hat mir ehrlich gesagt, noch nie gefallen.  Alan Herdman, ein Haltungs- und Bewegungstrainer aus England behauptet: „Der Typ ist ein körperliches Wrack“. davids0s0sNach Herdman ist David nämlich alles andere als ein Sinnbild körperlicher Perfektion.Die klassische Standbein-Spielbein Pose sei ergonomisch ein Klassiker, und zwar für Rückenschmerzen, ruinierte Kniegelenke und schwere Haltungsschäden. Nun steht der Jüngling seit über 500 Jahren in der gleichen Pose, aber ein Knieproblem hätte er womöglich eher bei Übergewicht, was sein Genital noch kleiner wirken lassen würde. Darüber wurde auch schon viel diskutiert. Aber wir sollten nicht vergessen, dass sich der Penis des Schnösels im nicht erregierten Zustand befindet und die Gesamtproportionen nicht stimmen. Außerdem, so zwei florentinische Ärzte, sei anzumerken, dass  der arme David im  Moment der Darstellung in Todesgefahr war. Sah er doch dem mächtigen Goliath und dem Tod direkt ins Auge. Da kanns auch mal ein wenig schrumpfen.

Penis im angesicht des Todes
Penis im Angesicht des Todes?

Und zum Abschluss gibt es noch ein Video mit dem Original und den weltbesten Kopien. Viel Spaß!


29
Mär
09

März in Certaldo

„Nur schwer ist zu erkennen, was uns zum Wohle gereicht“(Giovanni Boccaccio)

Toscana im März. Es ist mit Sicherheit der schönste Monat, um hier seine Zeit zu verbringen. Die Mandelbäume blühen im schönsten Rosa und die Mimosen leuchten gelb. Die Mehrzahl der Touristen kommt erst an Ostern und die, die schon da sind stören nicht weiter, sei denn, man hält sich bevorzugt im Zentrum von Florenz und Siena auf. Am Morgen und am Abend ist es noch bitterkalt aber nachmittags im Straßencafe freut man sich mittlerweile über ein schattiges Plätzchen und ein kühles Getränk. Überall duftet es nach Blumen und Frühling, doch der typisch italienische Duft riecht anders: stinkende Abgase, Mopeds, Knoblauch, Kaffee, Zigarettenqualm, Weihrauch und der Duft der alten Steingemäuer. All diese  Gerüche habe ich wieder wahrgenommen.

Eine Route führte uns durch die Frühlingslandschaft nach Certaldo. Eine hübsche mittelalterliche Kleinstadt in der Nähe von Florenz, die hauptsächlich als Geburt-und Sterbeort Giovanni Boccaccios bekannt ist. Sein bekanntestes Werk, der Decamerone handelt von sieben jungen Damen und drei jungen Aristokraten, die sich vor der Pest ( schwarzer Tod) in ein Landhaus nahe Florenz flüchten. Es war die Pest, die Florenz im Jahre 1348 aufsuchte.

Giovanni Boccaccio
Giovanni Boccaccio
Casa Boccaccio

Im Landhaus ver­su­chen sich die Flüchtlinge nach Möglichkeit zu unterhalten. Jeden Tag wird ein König oder eine Königin gewählt, welcher einen Themenkreis vorgibt, zu dem sich nun jeder der Anwesenden eine Geschichte auszudenken hat und zum Besten zu geben. Nach zehn Tagen und zehn mal zehn Novellen kehrt die Gruppe wieder nach Florenz zurück.

Die Geschichten sind ernst, aber auch teilweise sehr amüsant und trotz alledem mit knisternder Erotik „belastet“. Das Haus Boccaccios ist zu besichtigen und wurde, nachdem es im Zweiten Weltkrieg stark zersört wurde, 1947 wieder aufgebaut. Neben Kostümen aus dem Decamerone und Wissenswertes zu Boccaccio gibt es eine umfangreiche Bibliothek mit diversen Ausgaben und Übersetzungen des Werkes zu bestaunen. Was ich sehr interessant fand, Certaldo ist die Partnerstadt von Canterbury. Bei Canterbury denke ich an Geoffrey Chaucer´s Canterbury Tales, nur kurz nach dem Decamerone geschrieben: In einem Wirtshaus zu Southwark nämlich, einer Vorstadt Londons, trifft der Dichter 28 Wallfahrer, die nach Canterbury zu dem Grabe des heiligen Thomas Becket pilgern wollen. Er schließt sich ihnen an, desgleichen der schlaue Wirt, der jedoch die Bedingung stellt, jeder Teilnehmer solle auf der Hin- und Rückreise je zwei Geschichten erzählen, und derjenige, der seine Sache am besten mache, solle dafür auf Kosten der übrigen in seinem, des Wirtes, Gasthaus eine köstliche Mahlzeit erhalten. Zweifelsfrei hatte Chaucer den Decamerone gelesen und ihn zum Vorbild seiner ebenso teilweise derben und frivolen Geschichten genommen.

Tabernakel von Gozzoli

Tabernakel von Gozzoli

Certaldos Altstadt, Certaldo Alto liegt auf einem Berg. Die neue moderne Stadt wird Castello genannt und befindet sich unterhalb der Altstadt am Fluss Elsa. Certaldo hat aber noch mehr zu bieten, zum Beispiel den Palazzo Pretorio aus dem 12. Jahrhundert und die Kirche San Tommaso mit einem wunderschönen Tabernakel ( Tabernakel der  Hingerichteten) von Benozzo Gozzoli.   Auch die einschiffige Kirche Ss Michele e Jacobo aus dem dreizehnten Jahrhundert mit einer halbrunden Apsis ist zu nennen, hier befindet sich auch die letzte Ruhestätte Boccaccios. Man kann die Altstadt Certaldo-Alto auch bequem  mit einer Zahnradbahn erreichen.  Für das leibliche Wohl ist in hier auch gesorgt. In der Altstadt gibt es allerdings nur eine einzige Bar, es kann also sein, dass man auf seinen Cafe ein paar Minuten warten muss. Der schöne Tag wurde in der Osteria del Vicario ausgeklungen, vielleicht einen neidischen Blick in die Speisekarte gefällig?

Vicario

Illustration von Klemke Dekameron

Illustration von Klemke "Dekameron"

Im Lokal erzählte man uns stolz vom deutschen Ehrenbürger der Stadt Certaldo. Es ist Illustrator und Buchgestalter Werner Klemke  aus Berlin-Weissensee (1917-1994). 1975 bekam er die Ehrenbürgerschaft der Stadt für seine Gestaltung des Decamerone.

So endete einer der schönsten Tage meines Urlaubs. Im alten Mietwagen, einem Fiat Uno, der mich sentimental  an meinen alten Studentenuno erinnerte, fuhren wir durch den klaren Abend zurück ins Zentrum von Florenz, wo es wieder herrlich nach Abgasen und Kaffee duftete.

23
Mär
09

Urlaub

So, ich mache eine paar Tage Urlaub im Land wo die Zitronen blühn. Ich werde wunderbare Dinge sehen, herrlichen Wein entkorken, meine Frühjahrsgarderobe auffrischen und hoffentlich endlich mal wieder die Wärme der Sonne spüren.

Tutto o niente

Non si può attraversare un bosco   
a metà
Non si può decidere
a metà
Non si può vivere
a metà
Non si può essere felici
a metà
O si ha tutto
oppure niente

Alles oder nichts

Man kann nicht nur halb
einen Wald durchqueren
Man kann nicht halbe
Beschlüsse fassen
Man kann nicht halb
leben
Man kann nicht zur Hälfte
glücklich sein
Man kann alles haben
oder nichts.

Bis bald, hyke

20
Mär
09

Berliner Erfindungen

Wat es alles so jibt! Vor noch gar nicht allzu langer Zeit sah ich im Fernsehen einen Bericht über die berühmtesten Erfindungen aus Berlin. Da habe ich doch ordentlich gestaunt und mir Notizen gemacht. Allerdings leider etwas lückenhaft. Ob alle Erfindungen den Tatsachen entsprechen, weiß ich nicht genau, ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die gesamte Sammlung  nachzuforschen.  Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. So, hier sind die Top 25:

25. Die Käthe Kruse Puppe

24: Das Fürst Pückler Eis

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Ausgedacht vom Königlich-Preußischen Hofkoch Louis Ferdinand Jungius, der Pückler 1839 ein Sahneeis mit drei Schichten widmete. Heute bekannt unter der wohlschmeckenden Kombi aus Erdbeer-, Vanille- und Schokoladeneis. An so einem schönen Frühlingstag wie heute empfehle ch einen Spaziergang durch den Park Babelsberg, Potsdam, den Fürst Pückler als Weiterentwicklung des englischen Landhausparks neben Branitz und Muskau selbst gestaltet und angelegt hat. Vielleicht mit einem Eis als Abschluss?

23: Die Neue Deutsche Welle

22 Die Litfaßsäule

Die Werbungssäule wurde um 1855 von Ernst Litfaß, einem Berliner Drucker erfunden.

21: Die Berliner Weisse berliner_kindl_weisse_mit_schuss_waldmeister1

Mag ich am liebsten mit Schuss in Grün, aber bitte nicht die fertig gemischte Brühe aus der Flasche.

20 Der Föhn

1908, AEG

19: Präsent 20

Pflegeleichtes DDR Textil aus 100% Polyester, très chic. Schweißtreibende Chemiefaser aus den Sechzigern.

18: Die Mietskaserne

17: Der Kinderladen

16: Die Love Parade

Das Spektakel fand 1989 zum ersten Mal in Berlin statt, intiiert von Matthias Roeingh, alias Dr. Motte, damals noch im kleinen Kreis. Zweimal habe ich mit gelitten.

15: Das Cafe Achteck

Berliner Bedürfnisanstalten. Noch heute gibt es wunderschöne Exemplare.

14: Das Ampelmännchen 180px-ankawu-ampelmannchen-og2


Das bekannte DDR-Ampelmännchen stammt von Verkehrspsychologe Karl Peglau, 1961. Ihren ersten offiziellen Dienst traten sie 1969 an der Ecke „Unter den Linden“, „Friedrichstraße“ an. Heute findet man das Ost-Ampelmännchen leider auch im Westen und wird als Berliner Erfindung vermarktet.

13: Die Taschenlampe

12: Die Reißzwecke

Hier bin ich mir unsicher, denn angeblich wurde sie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Uckermark erfunden und zwar vom Uhrmacher Johann Kirsten aus Lychen. Er verkaufte seine Idee 1903 an den Kaufmann Lindstedt, der mit der Erfindung zum Millionär wurde. Kirsten soll aber wohl auch beteiligt gewesen sein.

11: Ist mir leider entfallen

10: FKK

Auch hier scheiden sich meiner Meinung nach die Geister. Tatsache ist: FKK, so wie wir es heutzutage verstehen, also dem Zusammensein völlig entkleideter Nackedeis unterschiedlichen Geschlechts und Alters wurde anfangs des 20. Jahrhunderts in nur sehr  wenigen Klubs bzw. Vereinen gepflegt.  Auch in Berlin. Allerdings wurde der erste Verein schon angeblich 1893 in Essen gegründet.  kal25a1

9: Der Pfannkuchen

8: Das Gleitflugzeug (Otto Lilienthal)

7: Das Kino

Hier bin ich mir auch nicht so ganz sicher, jedenfalls fand erste öffentliche Filmvorführung vor einem zahlenden Publikum  in Europa am  1895 im „Wintergarten“ Berlin durch die Brüder Skladanowsky statt.

6: Die Currywurst

Angeblich stammt das Rezept von Herta Heuer, 1949 verkaufte sie die Spezialität erstmal an ihrer Imbissbude in Charlottenburg. (Ecke Kant,-Kaiser Friedrichstrasse). Berlin hat nun auch ein Currywurst-Museum:  http://www.currywurstmuseum.de/ . Viele Imbissbuden streiten um die Wette, welche Wurst denn nun die beste sei, Konnopke, Curry 36, usw. Meine Lieblingswurst gibt es am Bahnhof Friedrichstraße unter der Brücke.

5: Die elektrische Straßenbahn

Die erste elektrische Straßenbahn der Welt führte vom Bahnhof Lichterfelde zur Kadettenanstalt in der damaligen Zehlendorfer Straße. (1881) Gebaut wurde sie von Siemens.

4: Das Kondom

Mit Sicherheit ist die Idee des Kondomes nicht in Berlin geboren. Ich habe gelesen, dass sich bereits in der Zeit der Antike die Herren ihre besten Stücke mit Ziegendärmen ausstatteten, um zu verhüten. Im Jahre 1916 jedoch entwickelte der jüdische Zigarattenhändler Julius Fromm aus dem Scheunenviertel in seiner neu gegründeten Gummifabrik in Prenzlauer Berg das erste nahtlose Kondom aus Naturkautschuk.

3: Das Sandmännchen

2: Der Computer

Der in Berlin geborene Erfinder und Bauingenieur Konrad Ernst Otto Zuse entwickelte 1941 den Z3, somit gilt er als Erfinder des Computers.

1: Der Fernseher

Na, dann hoffen wir doch auf viele neue Erfindungen in der Zukunft aus Berlin!


18
Mär
09

Klingelingeling?

Also manchmal frage ich mich wirklich, was sich die moderne Unterhaltungsindustrie so denkt. Überall wird für neue Klingeltöne und Handysongs geworben, spät abends auf nahezu allen Fernsehsendern, in Zeitungen, Zeitschriften, in der Tagespresse, man entkommt ihnen einfach nicht. Ich gebe zu: Ich habe mir vor 2 Jahren auch mal die Titelmusik von Pippi Langstrumpf „downgeloadet“, ebenso White Christmas von Bing Crosby. Peinlich genug, aber egal. Jetzt habe ich mich mal schlau(er) gemacht und es gibt tatsächlich kaum einen Song mit dem in dieser Branche kein Geld verdient wird.. Da wäre zum Beispiel Amelia von The Mission. Gibt es ganz offiziell als Klingeling-Song. hier mal ein kleiner Ausschnitt:

„Daddy says dont tell mama what I do to you
Daddy says if you do Ill beat you black and blue
cos amelia, you make daddy feel like a man
Amelia, daddy loves you more than mummy can

daddy, tell me, daddy,
How can you call this love?“

Da frage ich mich doch in Zeiten des Prozesses von Joseph Fritzl und all den anderen, wer lädt sich so einen Song auf sein Handy? Damit es in der U-Bahn laut aus der Handtasche hallt was Väter so Böses tun können? Dass man an Inzucht und Pädophilie denkt wenn Papi mal anruft, der nur wissen will, ob man gesund ist und Geld braucht? Man könnte sich diese Songs ja individuell einstellen, für den pädophilen Dad gibt es Amelia, für den Ex Hiroshima, für den alten Kumpel aus Israel gibt es Kristallnacht. Nichts gegen die Texte, ganz im Gegenteil, aber für mich ist Telefonieren eine schöne Sache und ich freue mich, wenn das Handy klingelt. Da bleibe ich lieber bei Pippi Langstrumpf.

15
Mär
09

Alma Mahler- Werfel und die Sex-Puppe

Alma Mahler-Werfel, die Grande Dame und Femme Fatale Wiens des Fin du Siecle, Komponistin und Muse hatte ja bekannterweise mehrere Männer und Liebschaften: Verheiratet war sie mit dem Komponisten Gustav Mahler, mit dem Architekten und Leiter des Bauhaus Walter Gropius und mit dem Dichter Franz Werfel. Zu ihren Geliebten gehörten Künstler wie Gustav Klimt und Oskar Kokoschka. alma_1900_jung_2 Mit dem Expressionisten Oskar Kokoschka hatte sie eine leidenschaftliche Beziehung. Sie war ihm Muse und sexuelle Gespielin zugleich. Oskar verehrte sie abgöttisch und malte Alma unzählige Male. Kokoschkas Leidenschaft verwandelte sich bald in Unterwerfung, seine Eifersucht in Besessenheit. Mehrmals organisierte er ohne ihr Wissen die Hochzeit-erfolglos. Alma wurde schwanger von Kokoschka, ließ das Kind jedoch abtreiben. Als Alma schließlich Walter Gropius heiratete verfiel Kokoschka in eine tiefe Depression.

“Die drei Jahre mit ihm waren ein einziger heftiger Liebeskampf. Niemals zuvor habe ich soviel Krampf, soviel Hölle, soviel Paradies gekostet.” Alma Mahler-Werfel über Oskar Kokoschka

Alma fand bei Gropius Ruhe und Entspannung, die sie bei Kokoschka vergebens suchte. Vergessen konnte sie Kokoschka allerdings auch nie. Und nun? Was macht ein völlig frustrierter depressiver exzentrischer Expressionist, wenn seine große Leidenschaft ihn verlassen hatte? Ganz einfach: Man bestelle sich eine lebensgroße Puppe im Alma-Look als Ersatz für die Verflossene! Und genau das tat Kokoschka. Er hatte natürlich genaue Vorstellungen und als Künstler sendete er der Münchner Puppenmacherin Hermine Moos einen Auftrag mit genauer Beschreibung und diversen Skizzen. Diese Art Puppe muss man sich natürlich anders vorstellen als die gängigen Modelle aus der heutigen Zeit. Sie bestand aus Eisbärenfell und Sägespäne, also eine “ haarige“ Angelegenheit.

Oxana macht Party
Oxana macht Party

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, mich durch die unzähligen Angebote an Kunsttoffdamen im Internet durchzuquälen. Das Angebot hier ist immens, jede Nationalität ist erhältlich, jede Augenfarbe, es gibt sprechende Puppen, manche hauchen Erotisches auf Japanisch, manche singen ein lustiges Lied. Das Plastik wird immer „gefühlsechter“ und meine alte Partybekanntschaft Oxana wirkt dagegen fast schon antik. Aber wie haben wir uns die Alma-Puppe von Oskar Kokoschka vorzustellen?

Oxana hat nüscht mehr zu melden
Oxana hat nüscht mehr zu melden

Als Kokoschka die Puppe nach langer Wartezeit endlich bekam, war die Enttäuschung groß. Mit den „gefühlsechten“ Janines und Kim Chins aus dem Internet hatte das mit viel Mühe genähte Modell natürlich überhaupt nichts zu tun. Kokoschka versuchte, die tote Materie zum Leben zu erwecken, in dem er sie zumindest kleidete und frisierte wie seine Ex- Geliebte.

Frau Moos mit "Alma"
Hermine Moos mit „Alma“

Tägliche Ausfahrten mit dem Wagen und auch Opernbesuche standen auf dem Programm. Viele Male zeichnete er seinen Fetisch, doch irgendwann reichte es auch Kokoschka:

„Kokoschka: Endlich, nachdem ich sie hundertmal gezeichnet und gemalt hatte, habe ich mich entschlossen, sie zu vernichten. Die Puppe hatte mir die Leidenschaft gänzlich ausgetrieben. Ich machte also ein großes Champagner-Fest mit Kammermusik, während dessen mein Kammermädchen Hulda die Puppe mit all ihren schönen Kleidern zum letzten Mal vor- führte. Als der Morgen graute – ich war wie alle anderen sehr betrunken – habe ich im Garten der Puppe den Kopf abgehackt und eine Flasche Rotwein darüber zerschlagen. Am nächsten Tag schauten ein paar Polizisten zufällig durch das Gartentor, erblickten wie sie meinten den blut überströmten Körper einer nackten Frau, und stürzten in der Verdächtigung eines Liebesmordes ins Haus hinein. Genau genommen war es das auch, denn an jenem Abend hab ich die Alma ermordet..“

Original-Alma-Puppe
Original-Alma-Puppe

foto: Art by Art
foto: Art by Art, Kopie für eine Ausstellung in Wien 2008
12
Mär
09

Glaube, Liebe, Hoffnung

Einst verschlug es mich an den südlichsten Zipfel Afrikas. Am Kap der Guten Hoffnung wehte ein kalter Wind und die alten Geschichten der zerschellten Schiffe im Sturm, der auch zu meiner Zeit zugange war, kamen mir in den Sinn. Die Hoffnung der Seefahrer, heil an ihr Ziel zu kommen stieg enorm, war das Kap erst einmal umsegelt.

1999
1999

Die Hoffnung stellt neben dem Glauben und der Liebe eine der göttlichen Tugenden dar und trägt als Symbol den Anker, der wiederum symbolisiert den sicheren Platz des Schiffes im Hafen.

Im zarten Alter von vier Jahren brachte mir ein Bademeister aus dem hohen Norden das Schwimmen bei. Sein Leben lang auf hoher See, verdiente er sich nun sein Geld im Wellenbad Sankt Peter Ording, indem er Kinder lehrte, heil über Wasser zu bleiben. Mehr aber als das Schwimmen lernen faszinierte mich sein gigantischer tätowierter Dreimaster auf seiner alten Brust und seitdem stand für mich fest: wenn ich groß bin werde ich Seefahrer oder noch besser: Seeräuber. Aber auch das Kreuz-Herz-Anker Motiv leuchtete bereits mit neun Jahren von meinem Oberarm, zumindest als falsches Tattoo zu Fasching, das ich über mehrere Jahre einäugig und geringelt als Pirat und Schatzsucher feierte. Eine weitere Reise führte mich nach Brixham im Südwesten Englands zum Nachbau der „Golden Hind“ von Sir Francis Drake. Den Piraten, Entdecker und Weltumsegler führte es bereits im sechzehnten Jahrhundert  um das Kap der Guten Hoffnung. Im Auftrag der Königin Elisabeth1. plünderte er als Seeräuber erfolgreich spanische Handelsschiffe im Bereich der Westindischen Inseln.


Da wäre ich damals gerne dabeigewesen, trotz Skorbut und Pestgefahr. Als Kind verschlang ich Bücher wie Moby Dick, die Schatzinsel und den Seewolf. Störtebeker war mein großes Idol.

Heute hat sich das alles etwas geändert aber die Liebe zu Schiffen und zum Meer ist nach wie vor geblieben. Deshalb habe ich beschlossen, den Bootsführerschein zu machen. Näch langem Erkunden habe ich mich nun gestern angemeldet, allerdings vorerst nur für Binnengewässer aber davon gibt es ja hier um Berlin reichlich. Wilde Piraterie kann ich mir da wohl abschreiben, das Kapern vor Afrika Heutzutage hat nichts mehr mit meinen wilden Kindheitsträumen zu tun. Ahoi!

11
Mär
09

Gertrud Feiertag

Ein Stolperstein in Caputh

Gertrud Feiertag (1890, Berlin -1943, Auschwitz) stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. 1931 eröffnete sie in Caputh bei Berlin ein jüdisches Landschulheim, das sie nach den Prinzipien der Reformpädagogik leitete.

Mit ihrer in der damaligen Zeit doch sehr ungewöhnlich fortschrittlichen Pädagogik schaffte sie es, zusammen mit den Kindern und Lehrern einen Lebensraum zu gestalten, der vom gemeinsamen Lernen und Leben geprägt war. Bis zur brutalen Vertreibung der jüdischen Kinder und Erwachsenen im November 1938 erfolgte eine von reformpädagogischen Ansätzen geprägte, ganzheitliche Betreuung der Kinder, die Ihren Ausdruck in Naturverbundenheit und einem vielfältigen kulturellen Schaffen fand. Dies alles änderte sich allerdings plötzlich mit der Machtübernahme der Nazis.

„Es war ein dunkler Novembertag. Sogar morgens mußte das elektrische Licht angeschaltet werden. Wir waren vormittags in einer Schulstunde. Plötzlich hörten wir Glas klirren. Wir schreckten zusammen. Aber ein Kind meinte, daß jemand das Tablett mit all den Tintenfässern fallengelassen hätte.“

Am 10 November 1938, am Morgen nach der Reichsprogromnacht überfielen Caputher Nationalsozialisten das Kinderheim, zertrümmerten die Einrichtung und warfen den jüdischen Schülern das Frühstück ins Gesicht. Lehrer und Schüler wurden aufs Brutalste vertrieben.  Feiertag ging danach nach Berlin, arbeitete für Hilfsorganisationen und half, jüdischen Kindern aus Deutschland zu flüchten. Sie begleitete sogar Kindertransporte persönlich nach England und hätte ohne Probleme dort bleiben können. Doch ihr Pflichtgefühl den Kindern gegenüber ließ sie wieder nach Deutschland zurückkehren.

Bis heute ist unklar, was aus den Caputher Schülern und Lehrern geworden ist. Einige gelangten nach Palästina, die übrigen sind auf der ganzen Welt verstreut. Elf Schüler wurden in die Konzentrationslager im Osten deportiert. Gertrud Feiertag kam 1943 nach Auschwitz. Dort verliert sich ihre Spur.

Bilder: spsg
Bilder: spsg

Das Kinderheim existiert heute noch und wurde 1986 nach Anne Frank benannt. Seit November 2008, also nach 70 Jahren der Zerstörung trägt das Heim den Namen der Gründerin Gertrud Feiertag.

Die Ausstellung “ Mit dem Blick aufs Ganze“, die noch bis zum 19. April 2009 im Schloss Caputh zu sehen ist, würdigt Gertrud Feiertag und informiert über das Kinder-und Landschulheim von 1931 – 1938.

Gestern, am 10.03.2009 ist in Caputh ein weiterer Stolperstein des Kölner Künstlers Gunter Deming für Gertrud Feiertag verlegt worden. Wichtig, dass diese außergewöhnliche Frau nicht in Vergessenheit gerät.

11
Mär
09

Vom Suchen und Finden

„The best things in life are free“

Manchmal sucht man nach seiner Lesebrille, seinem Hausschlüssel oder nach einer Antwort. Manche suchen mit Gewalt nach einem neuen Anfang. Suchen überall und nirgendwo, weil sie immer noch festkleben am Ende der letzten Beziehung. Die Suche nach passenden Wörtern, nach Medikamenten gegen die Schmerzen, Suche nach Anerkennung, nach Trost,  Liebe, Macht und Erfolg. Und die Suchsucht ist wahrhaftig eine Sucht. Wer findet, muss nicht unbedingt gesucht haben, und wer suchet, der findet nicht immer, wie es in der Bibel steht.
Ich suche seit zwanzig Jahren nach einer Antwort und werde sie nie  finden.
Die schönsten und unglaublichsten Dinge findet man sowieso nur, wenn man nicht sucht, und die gibt es reichlich. Man muss sie nur wahrnehmen und – sie sind meist umsonst.
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„The best things in life are free
Now that I’ve discovered what you mean to me
The best things in life are free
Now that we’ve got each other
The best things in life are free“

05
Mär
09

Von Design und Disaster

Geschmack ist ja bekannterweise relativ. Und jeder hat seinen eigenen persönlichen Gusto, was das Thema Einrichtung betrifft. Ich schreibe von der Ästhetik menschlicher Lebensgestaltung und wie verschieden die Auffassungen darüber doch sind.

Die Oma von nebenan mag es rustikal: dunkle Holzdecken, Spitzendeckchen, der röhrende Hirsch über der geblümten Polstergarnitur und um sie herum die Bilder ihrer lieben Enkel. Auch ich finde: persönliche Gegenstände, Andenken und Erinnerungen können ein Heim erst “ heimisch“  machen. Die frisch gebotoxte Frau Neureich hingegen überlässt alles ihrem Innenarchitekten, schnurzpiepe ob es gefällt, stylish muss es sein, unterkühlt und teuer. Die klassische Le Corbusier Liege, der Eileen Gray Tisch und die Bulthaupt Küche. Persönlicher Schnickschnack landet im Müll. Kalt wie ein Stein, kalt wie Frau Neureich.

Das wundert mich im Übrigen auch an diesen seltsamen vorher nachher Sendungen „Style Dein Heim“. Alle persönlichen Dinge verschwinden. Bilder mit Geschichte werden ersetzt durch kühle Leinwände ohne jeglichen persönlichen Zugang. Persönliche Gefühle sind ja auch überflüssig,wenn das neue Bild farbig doch so gut zum Zweisitzer passt.

Zugegeben, ich bin ein großer Fan der Klassischen Moderne und auch bei mir findet sich das eine oder andere Stück sdc105742wie die Lampe von Wilhelm Wagenfeld, ein Entwurf aus den Zwanziger Jahren, oder meinen geliebten Eames- Schaukelstuhl. Ich sammle auch leidenschaftlich gerne Antikes, stöbere auf Flohmärkten herum und kombiniere gerne alt mit neu. Wäre ein Horror für Frau Neureich. Allerdings gibt es so den ein oder anderen Wohnstil, kann man es überhaupt Wohnstil nennen, da bekomme ich massive Atemnot. Ich bin wahrhaft tolerant und leicht zufrieden zu stellen,  aber ich bin ein absoluter Purist. Meine persönlichen Erinnerungen müllen meine Wohnung nicht zu und Kitsch bitte nur in geringer Dosis.

Letztes Jahr verbrachte ich ein paar schöne Februartage an der Ostsee. Der Urlaub wäre in die Geschichte der schönsten Urlaube meines Lebens eingegangen, wäre da nicht die „nett eingerichtete“ Unterkunft gewesen. Ich hatte keine großen Ansprüche gestellt, aber diese  Bunker- Kitsch-Oase zwang mich und mein dadurch stark angeknackstes ästhetisches Empfinden, mich fast 24 Stunden fernab meines vorübergehenden Heimes aufzuhalten.

Die Wohnung war überfüllt mit „liebevollen“ Details. Unmengen von Gänsen aus Keramik, Girlanden aus Plastik und Kram, den man eigentlich nicht mal mehr auf dem Flohmarkt verkaufen kann, verzierten hier Regale und Fensterbretter.

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Die „geschmackvolle“ Sitzecke mit Plastiktischdecke

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„Romantisches“ Gemälde im Farbenbunker

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„Liebe“ zum Detail

100_01311Im Polsterbunker

Dieses Viedeo dient zur Entspannung  aufgrund der visuellen Vergewaltigung. Die Gänse jedoch sind beabsichtigt.





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