„Bezahle, wenn mer Geld hat, des is kah Kunst, aber bezahle, wenn mer kahns hat, des is e Kunst….“
Eine kleine Hommage an meine Heimat: Es gibt Dialekte, die man gerne hört. Ich mag hessisch und plattdütsch. Irgendwie habe ich mit sächsisch und schwäbisch so meine Probleme. Nach Jahren in Bayern und in Berlin verfalle ich doch immer wieder gerne in meinen hessischen Dialekt, besonders wenn ich Freunde aus meiner alten Heimat treffe. Wunderbar auch der Kolumnist Günter Körner vom Darmstädter Echo, der mir ab und zu ein Stückchen Darmstadt nach Berlin schickt:
Verlennt mer bloos des Schwätze ned
De Buddswollkopp
Erst heute fiel mir wieder ein Buch in die Hände. Und zwar das Buch, dass ich zu meinem Abitur 1987 von meiner Schule ( wie es
in ganz Darmstadt Sitte ist) geschenkt bekam, den „Datterich“.
Die geniale Mundartkommödie „Datterich spielt in der Zeit des Biedermeier. Datterich ist ein pfiffiger Lebenskünstler und Alt-Darmstädter Original, der es doch immer und immer wieder versteht, einer geregelter Arbeit aus dem Weg zu gehen und auf Kosten der Mitbürger über den Durst zu trinken und sie beim Kartenspiel kräftig übers Ohr zu hauen. Dem Gesellen Schmidt schwindelt er vor, er könnte ihn zum Meister machen. Datterich versucht, den einfältigen Burschen, der Marie, die Tochter seines Lehrherrn Dummbach liebt, mit der eigenen Base Eva zu verbinden. Meister Dummbach ist begeisterter, wenn auch beschränkter Zeitungsleser und widmet sich mit Ignoranz der „Bolidik“: ein satirisches Zerrbild des politischen Kannegießers und Spießbürgers. Schmidt durchschaut Datterichs Intrige und fordert ihn zum Duell. Man stellt ihm eine Falle und verhaftet ihn als vermeintlichen Urheber eines Erpresserbriefes. Als Datterich bei Schmidts Hochzeit mit Marie sich wieder schmarotzend anbiedern will, wirft man ihn hinaus – und bedauert nachträglich, dass man auf seine unterhaltsame Dreistigkeit verzichten muss.

Ernst Elias Niebergall
Autor Ernst Elias Niebergall wurde 1815 genau wie ich in Darmstadt geboren. Er starb leider bereits 1843 in seiner Geburtsstadt.. Nach dem Gymnasium in Darmstadt, studierte der Sohn eines Musikers von 1832 an Theologie in Gießen. In der Burschenschaft „Germania“ lernte Niebergall einen anderen wortgewandten Zeitgenossen kritischer Prägung kennen: Georg Büchner. Nach Verbot und Auflösung der Germania trat er 1833 dem Corps Palatia bei, das 1834 verboten wurde. Die folgende „Disziplinaruntersuchung“
endete 1836 mit einem Freispruch – Niebergall durfte aber in dieser Zeit kein Examen ablegen. Stattdessen arbeitete er 1835 als Hauslehrer bei einem Forstmeister in Dieburg. 1839 legte er schließlich das Examen ab. Da er aber nicht die Absicht hatte, Pfarrer zu werden, blieb ihm nur die Rückkehr nach Darmstadt, wo er 1840 zum Lehrer für Latein, Griechisch und Geschichte an der Privatschule des Schmitzschen Knabeninstituts avancierte. Schon als Privatlehrer begann Niebergall mit seiner eigentlichen Berufung, dem Schreiben. 1837 kam das Lustspiel „Des Bürschens Wiederkehr oder der Tolle Hund“ heraus – freilich unter dem Pseudonym Elias Streff.
Nach dem „Datterich“ brachte Niebergall keine Zeile mehr zu Papier.
Und hier ein Ausschnitt, weils soo scheee iss!!
Erste Szene
[7] Morgens. Wirthsstube. Datterich, Knerz, Bennelbächer und Spirwes spielen im Vordergrund Solo. Lisette ist im Hintergrund mit Aufräumen etc. beschäftigt.
DATTERICH resignirt. Mer sinn geschwolle, Freindche.
BENNELBÄCHER. Ich kumm heit uf kahn grihne Ast. Wann Sie die Spitz zu dritt gehatt hette –
DATTERICH. Ja, wann is kah Keeskorb.
SPIRWES. Geld will ich sähe, meine Herrn. Des leer Stroh dräsche duschur bin ich dick. Zu Datterich. Von Ihne krie ich jetz zwelf Kreizer, soviel mache grood mei zwah halwe Schoppe.
DATTERICH. Glei, Freindche. – Lisettche!
LISETTE. Was steht zu Dienste?
DATTERICH. Kenne-Se mer en breißische Dahler wächsele?
LISETTE. Warum dann net?
DATTERICH. Schee von Ihne. Des wollt ich nor wisse – gehn-Se nor widder; – ich wollt nor emol Ihne ihrn gute Wille sähe.
LISETTE kehrt ihm ärgerlich den Rücken, für sich. Der Siwwesortelumb braucht ahm aach noch zu foppe! 
SPIRWES. Ich kann Ihne aach wächsele, gäwwe-Se nor her.
DATTERICH. Losse-Se nor, die muß als e Bisje geuhzt wern. Er rasselt in der Tasche.
KNERZ zu Bennelbächer. Wos Schlissel!
DATTERICH zu Spirwes. Valihrn-Se nor die Fiduz net: Sie krijje hernach Ihne ihr Geld. Awwer jetz: kabutt odder en Ranze! Solo!
BENNELBÄCHER. Wie schreibt er sich?
DATTERICH. Schippebihk!
SPIRWES. Der wackelt aach.
DATTERICH. E Eselsohr wackelt aach, will ich Ihne sage, un browirn-Se’s emal und roppe-Se sich’s aus. Eraus mit de wilde Katze!
[8] KNERZ. Was spielt mer dann do am Beste?
DATTERICH. Nor eraus! E Katt odder e Scheit Holz! Komme-Se, wie-Se wolle!
KNERZ. Kreiz Aß!
DATTERICH. Des hat kahn Vadda. Un jetz! Gewwe- Se Owacht, meine Herrn! Von oben herab, sprach Bonabatt! Drumb, Drumb, Drumb! un do is noch e ganzer Hut voll Drimb! Ganjeh! Vier Madador un die Bremjeh! Geriwwelt! Drei Batze à Person! Kitt, Herr Spirwes! Lisettche, noch e halb Scheppche!
SPIRWES. Sie howwe aach mehr Glick, als –
DATTERICH. No? als –?
SPIRWES. Als wie gewehnlich.
BENNELBÄCHER sieht auf die Uhr. Glei zwelf nooch dem Glockespiel. Die Frah werd mi’m Esse worde: es ist Zeit, daß mer in de Schoos seiner Famillje zurickkehrt.
DATTERICH. Bleiwe-Se da un esse-Se im Werthshaus, do werd Ihne ihr Dahl in der Haushaltung gespart. Herzsolo!
KNERZ will aufstehen. Ich glaab, ich bin äwe geruffe worn.
DATTERICH. Bleiwe-Se nor, Ihne ihr Gägewatt is hier nothwenniger. Da gucke-Se her – ich will-en auflehje – siwwe Drimb, meine Herrn, riwwele-Se gefelligst – vier Knepp à Person. Lisettche, e halb Portion kalde Hammelsbrade un noch e halb Scheppche! – hier lijje achtzeh Kreizer.
BENNELBÄCHER. Sie kenne nix Besseres duh, als spiele; Sie vadiene sich Ihne ihr Läbsucht.
DATTERICH. Ach, Freindche, des Glick is gor verennerlich. Wer zuerscht gewann, werd zuletzt e Bettelmann. Was bin ich erscht gästert geschleimt worn!
LISETTE bringt das Verlangte. Wo hawwe-Se dann des Geld?
DATTERICH. So is Recht, Sie kleine Unschuldslose! Des haw-ich gern, wann’s in der Werthschaft pinktlich hergeht – da gedrunke und da des Geld: hier! Indem er sich über den Braten hermacht. Lasse- Se sich net stehrn, meine Freinde, des Spiel erleid’t kah Stehrung dorch mei Esse; des geht bei mir all wie e Uhrwerk. Sie spielen weiter. Ein kleiner Junge kommt schüchtern herbei und zupft Bennelbächern am Arme.
[9] JUNGE. Vaddache, du sollst doch hahm kumme, hot die Mudda gesogt, des Esse deht ganz kalt wern. 
BENNELBÄCHER. Do braucht-ersch aach net zu bloose. Herr Knerz, hawwe-Se äwe noch Drumb bekennt?
KNERZ. Nah, mir sinn mei poor Wermercher abgenumme worn.
DATTERICH zu dem Jungen. Siehst-de net, daß die Menschheit Katt spielt? Sag deiner Frah Mudda, dei Vadda deht sparn, er deht heit nix esse.
BENNELBÄCHER. Da, Pederche, do host-de en neie Kreizer, mach-der en gute Daak un soog daham iwwer die Mudda, ihr sollt nor als eweil esse, hett ich gesagt, du wehrscht mer am Mack begäjent – hehrsch-de, am Mack – ich hätt noch en bressante Gang. Der Junge ab.
DATTERICH. Der Bub werd gut.
BENNELBÄCHER. Wann ich Ihne en Roth gewwe soll, meine Herrn: – heirothe-Se net! Sie sähe, wie’s geht. Geht mer aus, do brummt die Frah, kimmt mer widder, do werd aach gebrummt; bleibt mer daham, do hot mer des Gebrumm von der Frah und des Gemaunz von dem klahne Gezäwwel de ganze Daak um sich erum: dann wann aach noch so e Raß Kinner ohmaschirt kummt, wie die Orjelpeife, do is der Deiwel ganz los. Des Ah’ braucht des, des Anner des, des Ah’ will e Klahd, des Anner will Schuh, des Anner will Bücher, des Anner will Schulgeld – es deht Noth, mer deht sein Rock ausziehe: do hobt-er’n, dahlt eich! Zickt mer die Haut iwwer’m Kopp zamme!
DATTERICH. Des is aach bleeslich der Grund, warum ich net heirath. Wer heidiges Daa’gs ehrlich und geacht dorch die Welt komme will, der hat iwwerrensig mit sich zu schaffe.
Einen wunderbaren kleinen Eindruck gibt es hier: Datterich, Staatstheater Darmstadt
Danke, Herr Niebergall!!!
Geschnatter: